Wann kommt der Doktor?

05/2016: Die Medizin hat sich in den letzten Jahren sehr stark gewandelt – auch in der Ausbildung: ein Überblick über Funktionen und Zuständigkeiten.

Früher erkannte man den Doktor am weissen Mantel, am Stethoskop in der Tasche und einer Krawatte. Da spielte es auch keine Rolle, ob er «Hinz» oder «Kunz» hiess. Hauptsache, er war Doktor und damit auch kompetent. Heute ist es für den Laien – und Hand aufs Herz: Als Patient ist jeder ein Laie, selbst wenn er aus einem Gesundheitsberuf kommt – nicht mehr so einfach verständlich.
 

Da wird man von einer netten Dame im Poloshirt untersucht, die mit «Frau Hinz, Assistenzärztin» angeschrieben ist. Was ist ihre Funktion? Solange auf dem Schild «Assistenzärztin» steht, gehört sie sicher zum ärztlichen Dienst, aber was heisst denn «Assistenz»? Ist sie die Lehrtochter? Die Praktikantin, die Studentin oder gar die Sekretärin des Chefarztes? Etwas später stellt sich ein weiterer Mitarbeiter des ärztlichen Dienstes – zumindest kann man das vermuten, denn er trägt für einmal einen weissen Mantel, wenn auch kein Stethoskop – als «Radiologe» vor. Sein Name: Kunz. Auf dem Schild steht «Herr Kunz, diplomierter Arzt», von «Doktor» keine Spur. Immerhin Arzt, warum kein Doktor? Ist der freundliche Herr ein bescheidener Mensch, der seinen Titel nicht aufs Schild setzt? Oder verfügt er nicht über die entsprechende Qualifikation? Oder haben nur Fachärzte einen Doktortitel? Was ist Facharzt überhaupt? Muss nicht jeder Arzt ein Staatsexamen machen?

 

Die Universität

Die Medizin hat sich in den letzten Jahren sehr stark entwickelt. Dazu gehören nicht nur pharmakologische, technische und interventionelle Fortschritte, sondern auch eine vermehrte Aufsplitterung in verschiedenste Fachgebiete und Unterfachgebiete. Die Universitäten haben die Aufgabe, die Medizinstudenten so auf die Berufsausübung vorzubereiten, dass sie einerseits den relevanten Stand des aktuellen Wissens kennen und andererseits in der Lage sind, durch kontinuierliche Weiter- und Fortbildung die für ihre Patienten wirklich nötigen neuen Erkenntnisse kritisch zu werten und laufend zu aktualisieren.

 

Berufsabschluss: diplomierter Arzt

Mit der von der Schweiz übernommenen Bologna-Studienreform wurde auch das Medizinstudium neu organisiert. Es dauert immer noch 6 Jahre, und das Staatsexamen bildet den Abschluss. Doch die Struktur ist anders und die Studenten schliessen mit dem akademischen Titel «Master» ab. Mit dem Staatsexamen erhalten sie das Arztdiplom. Die Doktorarbeit ist zwar noch möglich, beinhaltet aber eine grössere medizinische Forschungsarbeit – ein Aufwand, der zusätzlich erbracht werden muss. War früher der Doktortitel die unabdingbare Voraussetzung zum Erwerb eines Facharztausweises, so ist das nun nicht mehr zwingend. Daher dürfte die Zahl der eigentlichen «Doktoren» in den nächsten Jahren wahrscheinlich abnehmen. Das bedeutet, dass wir uns vermehrt daran gewöhnen müssen, dass ein «diplomierter Arzt» und eben nicht ein «Doktor» die ärztliche Verantwortung für unser Gesundheitsproblem übernimmt.

Der Dschungel ärztlicher Funktionen

Nicht nur die Frage nach dem Doktor bringt Erklärungsbedarf. Auch die ärztlichen Funktionen sind nicht immer klar. Gerade für unsere Patientinnen und Patienten auf der Bettenstation wechseln die betreuenden Ärztinnen und Ärzte oft, und häufig ist auch unklar, welcher Arzt welche Funktion hat. Dies ist auch aus Sicht der verantwortlichen Kaderärzte nicht optimal, lässt sich aber vor dem Hintergrund der aktuell geltenden Arbeitsgesetze und der weiterhin ungebremst zunehmenden Spitalbürokratie nicht vermeiden. Zudem ist eine moderne Spitalbehandlung mittlerweile eine Teamarbeit, an der neben dem direkt betreuenden Arzt auch Pflegefachleute, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Ernährungsberater, Sozialdienste und weitere medizinische Fachspezialisten – sogenannte «Konsiliarärzte» – mitwirken. So können die zunehmend komplexeren Krankheiten unserer immer polymorbideren Spitalpatienten kompetent behandelt werden. Sind die Funktionen der beteiligten Ärzte unklar oder unverständlich, wird die Sache noch komplizierter. Auf den folgenden Seiten finden Sie eine Übersicht, die Klarheit in den Begriffsdschungel bringt.

Zusammenfassend hat sich in der Benennung und Funktionsbezeichnung der Ärzte doch einiges geändert. Dem allgemeinen gesellschaftlichen Trend entsprechend ist es sicher komplizierter geworden. Die Frage lautet nun nicht mehr: «Wann kommt der Doktor?», sondern: «Wann kommt der Arzt oder die Ärztin?» Die bewusste Aufführung der weiblichen Form zollt der Tatsache Rechnung, dass heute die meisten Studienanfänger Frauen sind. Im Kreis der Chefärzte und Abteilungsleiter sind die Damen leider noch immer in der Minderheit: am GZO sind es Prof. Ursula Kapp als Abteilungsleiterin Onkologie und PD Dr. Daniela Husarik als Abteilungsleiterin Nuklearmedizin. Für die Patienten jedoch ist letztendlich entscheidend, dass ein Arzt oder eine Ärztin kommt, der oder die über die entsprechende Qualifikation und menschliches Einfühlungsvermögen verfügt.
 

Oberärzte

Sind erfahrene Ärztinnen und Ärzte, welche die Arbeit der Stationsärztinnen und -ärzte sowie die interdisziplinären Behandlungsteams fachlich supervisieren. Sie verfügen über mehrjährige Berufserfahrung und meistens auch über eidgenössisch anerkannte Facharzttitel.
 

Facharzttitel

Sind Zertifikate, die eine Spezialkompetenz in einem medizinischen Teilgebiet bescheinigen. Sie werden als eidgenössisch anerkannter Weiterbildungstitel von entsprechenden Fachgesellschaften abgegeben. Facharzttitel haben nichts mit einem Studium oder Studienabschluss zu tun.
 

Unterassistenten

So bezeichnen wir Medizinstudierende im 5. Jahreskurs, die für ein Jahr ein Praktikum in einer Klinik absolvieren. Sie werden ins ärztliche Team integriert, sind aber keine ausgebildeten Ärztinnen und Ärzte und arbeiten dementsprechend nur unter direkter Supervision.
 

Abteilungsleiter & Chefärzte

Tragen die organisatorische und prozessuale, sowie übergeordnete fachliche Gesamtverantwortung für ihre Klinik oder Abteilung. Da meist ältere Semester, sind sie bisher auch ausnahmslos noch als «Doktor» angeschrieben. Einige, die über entsprechende universitäre Lehraufträge verfügen, dürfen sich zudem die Buchstaben «PD» für Privatdozent oder «Prof.» für Professor auf die Erkennungsmarke schreiben.
 

Konsiliarärzte

Konsiliarärzte werden für spezielle fachärztliche Beurteilungen zugezogen, die nicht im Kompetenzbereich der behandelnden und verantwortlichen Ärzte liegen. Wie und ob die Empfehlung der Konsiliarärzte (in der Regel Fachärzte und Kaderärzte) in der Behandlung umgesetzt werden kann, müssen die behandelnden Ärzte verantworten.
 

Assistenzärzte

Assistenten sind diplomierte Ärztinnen und Ärzte mit einem abgeschlossenen Medizinstudium. Eine Assistenzarztfunktion ist zeitlich befristet und dient dazu, Berufserfahrung zu sammeln. Die meisten Assistenzärzte streben einen Facharzttitel an. Es gibt aber auch Fachärzte, die als Assistenten arbeiten. Da die Bezeichnung «Assistenz» oft zu Missverständnissen geführt hat, sind am GZO Spital Wetzikon die entsprechenden Kolleginnen und Kollegen als «diplomierter Arzt» oder «diplomierte Ärztin», wenn sie einen Doktortitel besitzen, als «Dr. med.» angeschrieben.
 

Stationsärzte

Stationsärzte sind diplomierte Ärztinnen und Ärzte mit einem abgeschlossenen Medizinstudium. Sie sind direkt für die Betreuung ihnen zugeteilter Patientinnen und Patienten verantwortlich und werden dabei durch erfahrene Kaderärzte - Oberärzte oder Abteilungsleiter - supervisiert. Die meisten, aber nicht alle Stationsärzte sind Assistenzärzte. Stationsärzte besitzen meistens noch keinen Facharzttitel.

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