Ein Tag auf der Notfallstation

24 ereignisreiche Stunden: Verfolgen Sie in unserer Reportage, was an einem durchschnittlichen Tag auf der Notfallstation alles passiert.

09:30 Uhr

Aufgelöst sitzt die Frau auf dem Stuhl der Notfallaufnahme. Fürsorglich erkundigt sich die Leiterin des Notfallteams: «Wie können wir Ihnen helfen?» Lautes Weinen ist die Antwort. «Weshalb sind Sie zu uns gekommen?» fragt die Notfallpflegerin weiter. «Der Alkohol!», entgegnet die Frau. Sie ist von ihrem Schwager auf die Notfallstation gebracht worden. Eigentlich möchte sie in die psychiatrische Klinik, wo sie bereits einmal einen Alkoholentzug gemacht hat. Weil man dort keine alkoholisierten Personen aufnimmt, muss Frau X. zuerst nüchtern werden.

Ob sie den Erläuterungen folgen kann? Sie wird in den internen Wartebereich gebeten und erhält ein Glas Wasser. Kaum hingesetzt steht sie auf, packt ihre Handtasche und schickt sich an zu gehen; sie will jetzt in die Klinik. Ihrem Schwager gelingt es, sie zurückzuhalten. Nun wird sie in eine frei gewordene Notfallkoje geführt. Die psychiatrische Klinik verlangt einen medizinischen Status. Dafür werden Blutdruck, Puls und Sauerstoffsättigung des Blutes gemessen, dann wird Frau X etwas Blut abgenommen. Einmal mehr protestiert sie lautstark. Kurz darauf versinkt sie in Schlaf. Die Blutprobe ergibt einen Alkoholwert von 3.8 Promille.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht sitzt der junge Mann in der Aufnahme. Er ist beim Fussballtraining gestürzt, sein dick geschwollenes Knie verheisst nichts Gutes. Begleitet von seinem Freund hinkt er in die Koje und lässt sich mit einem leisen Stöhnen nieder. Die Ärztin ordnet eine Röntgenaufnahme an.

 

10:30 Uhr

Alle neun Kojen sind belegt. In der Aufnahme warten zwei Personen, ein älterer Mann sitzt im internen Wartebereich, neben sich ein Infusionsständer. Bald wird er auf die Bettenstation verlegt. Ein Patient wartet auf das Arztzeugnis, damit er nach Hause kann.

Beim täglichen «Huddle» trifft sich das diensthabende Team der Notfallstation, das heisst: Ober- und Assistenzärzte von Chirurgie und Medizin sowie alle verfügbaren Pflegefachpersonen, zum kurzen Austausch: Welche Patienten bleiben voraussichtlich stationär? Hat es noch Platz auf der Intensivstation? Wie sieht die Bettenbelegung im Haus aus?

 

13:10 Uhr

Stöhnend und schmerzgekrümmt steht eine junge Frau in der Notfallaufnahme. Sie wird von ihrer Mutter gestützt und in eine freie Koje geführt. Umgehend bekommt sie eine Infusion gegen die unerträglichen Schmerzen. Nierensteine, vermutet die anwesende Notfallpflegerin aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung. Die Schmerzmittel müssen höher dosiert werden. Die Ultraschalluntersuchung bestätigt, der Nierenstein liegt kurz vor der Blase und sollte mit entsprechender medikamentöser Unterstützung schon bald abgehen. Die Frau wird auf die Station verlegt.

Beim Patienten mit unerklärlichen Brustschmerzen soll eine radiologische Untersuchung sicherstellen, dass keine akute Krankheit vorliegt, nachdem Blut- und Urinuntersuchungen keinen Befund gezeigt haben.

 

14:35 Uhr

Der Mann ist etwa dreissigjährig und klagt über Kopfschmerzen und Blitze in den Augen, zudem ist seine Körpertemperatur erhöht. Er erhält ein Schmerzmittel und entlässt sich kurz darauf selbst, bevor der Arzt überhaupt Gelegenheit hatte, ihn zu untersuchen.

Nachdem zwei Patienten mit einem Arztzeugnis nach Hause entlassen und vier weitere Personen auf die Stationen verlegt worden sind, herrscht für kurze Zeit etwas Ruhe auf der Station. Zwei Notfallpfelgende erfassen die letzten Massnahmen und Verlegungen am Computer. Eine dritte Mitarbeiterin gönnt sich im Stehen einen Kaffee.

Die Assistenzärzte besprechen die Patienten und Diagnosen der letzten Stunden oder erfassen die Verordnungen. Eine junge Ärztin telefoniert zum wiederholten Mal mit der psychiatrischen Klinik und verhandelt über die Überweisung der Patientin, die in einem Akutspital nicht am richtigen Ort ist. Keine Stunde später sind alle Notfallkojen schon wieder besetzt.

 

18:35 Uhr

Der Teenager mit Bauchschmerzen wird zur Ultraschalluntersuchung gebracht, nachdem weder im Blut noch im Urin irgendwelche Erreger oder Auffälligkeiten erkennbar sind. Er fühlt sich schon sehr viel besser als bei seinem Eintritt, die Schmerzen sind praktisch verschwunden. Dennoch muss eine ernsthafte Erkrankung ausgeschlossen werden, bevor er dann nach Hause darf.

 

20:10 Uhr

Die gepflegte Dame, die von den Rettungssanitätern in die Notfallstation geschoben wird, wirkt verunsichert und atmet schwer.  Rasch erläutert der Sanitäter die Situation: Eine Arbeitskollegin hat die Ambulanz gerufen, weil die Frau am Arbeitsplatz zusammengebrochen ist. Sie habe sich etwas unwohl gefühlt, dann sei ihr plötzlich schwarz geworden. Damit ihr das Atmen leichter fällt, erhält die Frau Sauerstoff, dann wird sie für ein EKG angeschlossen. Ein Monitor überwacht den Kreislauf. Bald eilt die Pflegeassistentin mit den Blutproben zur Rohrpost.

Klagen Patienten über Schwindelanfälle oder Schmerzen in der Brust, wird genau abgeklärt, ob er nicht von einer kardio- oder neurologischen Erkrankung betroffen ist. Sowohl Herzprobleme wie auch Schlaganfälle oder «Streifungen» sind nicht immer auf Anhieb erkennbar. Schwindel kann ein Symptom dafür sein, Blutuntersuchungen und ein EKG helfen bei der Diagnose.

Während Patientin S. auf die Station verlegt wird, damit ihr gebrochener Arm am Folgetag operiert werden kann, wimmert zwei Kojen weiter ein kleines Mädchen. Beim Herumklettern im Park löste sich eine Statue und stürzte auf das Kind. Schon vor der Röntgenuntersuchung ist klar, dass das Bein gebrochen ist. Trotz grosser Schmerzen hält sich Sheila tapfer. Die Herzen fliegen ihr zu. Niemand spricht aus, was passiert wäre, wenn die Statue nicht nur das Bein getroffen hätte. Sobald die Schmerzmittel wirken, bekommt sie einen Gips, der ihr Bein über Nacht ruhig hält, bis der Bruch am nächsten Tag operativ gerichtet werden kann.

 

21:40 Uhr

Es wird hektisch. Gleich drei Ambulanzfahrzeuge haben sich angekündigt. Eine Patientin mit einer Rauchvergiftung muss in den Schockraum, der speziell für lebensrettende Sofortmassnahmen ausgerüstet ist. Schon nach wenigen Minuten wird sie auf der Bahre hinein geschoben. Bei einem Brand in ihrer Wohnung hat sie Rauch und Russ eingeatmet, die Spuren sind unübersehbar. Brandverletzungen hat sie zum Glück keine. Bereits in der Ambulanz wurde ihr Sauerstoff verabreicht, nun werden ihre Vitalwerte geprüft. Sie nimmt die Sauerstoffmaske kurz ab, unterbrochen von Keuchen und Husten versucht sie zu schildern, was passiert ist.

Fast gleichzeitig fahren die Sanitäter von Regio 144 eine Patientin in den Raum, die nach einem Streit mit ihrem Partner ihre ganze Monatsration an Psychopharmaka geschluckt hat. Sie wirkt benommen, ist aber ansprechbar. Akute Lebensgefahr scheint nicht zu bestehen, trotzdem ist eine Monitorüberwachung nötig. Kaum ist die Frau untergebracht, bringt die Sanität des Spitals Lachen eine Patientin mit einer Kopfverletzung. Nach einem gemütlichen Nachtessen ist sie auf dem Nachhauseweg gestürzt und hat sich eine üble Riss-Quetsch-Wunde am Hinterkopf zugezogen. Sie will sofort nach Hause, Schmerzen spürt sie keine. Offenbar hat sie nicht nur dem Essen eifrig zugesprochen. Es braucht viel Geduld und gutes Zureden von Assistenzarzt und Pflegefachperson, um die Dame davon zu überzeugen, dass ihre Wunde genäht werden muss.

 

22:05 Uhr

Die Assistenzärztin der Medizin eilt von Koje zu Koje, untersucht Patienten, ordnet Labor- und Röntgenuntersuchungen an und verordnet Medikamente. Zwischendurch erfasst sie alles am Computer um, kaum sind ein paar Zeilen getippt, gleich nach dem nächsten Patienten zu sehen. Zum x-ten Mal eilt die Pflegeassistentin zur Rohrpost.

Schon wieder kündigt sich die Regio 144 an. Der Frau mit der Rauchvergiftung folgt nun ihr Ehemann. Sein Zustand scheint weniger gravierend, weshalb er in eine Koje gebracht wird.

 

23:10 Uhr

Ein Notfallpfleger zieht eine Spritze auf, seine Kollegin behändigt, was sie für eine Infusion braucht. Ein Blick auf den Bildschirm bestätigt ihr, dass der Arzt die mündliche Verordnung erfasst hat. Das Triage-Signal ertönt, die Anzeige leuchtet auf. Unverzüglich begibt sich eine Pflegefachperson zur Notfallaufnahme, wo bereits der nächste Patient wartet. Die Betten werden langsam knapp.

Eine der Notfallpflegenden arbeitet schon über zwanzig Jahre in der Pflege, und seit mehr als fünfzehn nur noch auf Notfallstationen. Was ist das Besondere an dieser meist hektischen Arbeit? «Es ist das Unvorhersehbare, das den Reiz ausmacht. Wenn ich meine Schicht beginne, habe ich keine Ahnung was mich auf der Station erwartet und was in den nächsten neun Stunden noch auf mich zukommen wird. Aber es geht immer um Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Wir müssen flexibel sein, rasch Prioritäten setzen und schnell handeln. Manchmal geht es hier buchstäblich um Leben und Tod.»

Oft sind es aber auch Bagatellen, die Menschen auf die Notfallstation führen. Selten ist ein Durchfall lebensbedrohlich, vielfach würden Tee und eine Wärmeflasche genügen. Wenn die Patienten jedoch einmal auf der Notfallstation sind, wird alles getan, um eine ernsthafte Erkrankung auszuschliessen. Deshalb sind die Untersuchungen aufwändig und brauchen Zeit. Nicht jeder Husten ist eine Lungenentzündung und die wenigsten Schnupfen sind der Beginn einer Grippe. Meist genügen Nasenspray und Hustensirup, die den Patienten mit nach Hause gegeben werden. Aber auch das erst, nachdem ein Arzt oder eine Ärztin die Patienten gründlich untersucht hat.

 

07:00 Uhr

Schichtwechsel vor der grossen Triage-Tafel. Eine kurze Orientierung was während der Nacht los war, dann folgt die Patientenübergabe. Die Pflegefachpersonen der Morgenschicht stellen sich den Patientinnen und Patienten kurz vor und informieren sie, wie es voraussichtlich weitergehen wird.

 

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